Helmut Sonneberg "Sonny" mit uns im Interview (Foto: Andreas Grote)

"Die Zeit heilt alle Wunden, aber die Narben bleiben"

Unser Treffen mit Sonny: Überlebender der Nazi-Zeit und des Holocaust, waschechter Frankfurter Bub und grösster Eintracht-Fan, den es je gab. Uffpasse hat er uns zum Abschied in unser Zeitzeugen-Buch geschrieben. Im Februar 2023 stirbt Sonny unerwartet. Mer passe uff.


Von Clara Euler, Mitarbeit: Amy Ohl und Katharina Danz

Am 19. Oktober 2022, also vor fast einem Jahr, haben sich die josefine-Redaktion und die Geschichts-AG unserer Schule mit dem jüdischen Zeitzeugen Helmut "Sonny" Sonneberg im Museum der Eintracht in Frankfurt getroffen. Er hat uns eingeladen, auf seine herzliche und hessische Art aus seinem bewegten Leben erzählt, aus der Nazi-Zeit und von heute, schlimme Dinge und schöne Dinge. Im Februar 2023 stirbt Sonny unerwartet. Unser Artikel zum Interview ist noch nicht fertig, er wird ihn nie sehen. Und der Redaktion wird bewusst, welche wichtige Aufgabe sie doch hat, nämlich auch als kleine Schülerzeitung über das zu berichten, was Zeugen von damals uns zu erzählen haben, damit so etwas nie wieder passiert, denn es gibt nicht mehr viele von ihnen.

„Mir ist wichtig, dass es junge Menschen gibt, die sich dafür (was in der Nazi-Zeit und mit den Juden damals passiert ist, d.Red.) interessieren, nicht nur im Geschichtsunterricht, sondern auch mal zuhause oder mit der Freundin: denk mal dran, der Sonny hat es uns erzählt, und der war dabei, der hats erlebt“, sagt uns Sonny. Was ihn ärgert: jeder wusste damals Bescheid, hat es überall gesehen und gehört, aber nach dem Krieg wusste keiner mehr etwas, keiner hat etwas erzählt, keiner hat sich zu etwas bekannt, gerade so, als ob wäre nie etwas geschehen. „Es ist eine menschliche Schwäche, Schlechtes zu vergessen“, sagt er.



Sonny mit uns im Eintracht-Stadion (Foto: Andreas Grote, aus Datenschutzgründen teilweise unscharf)

Trotzdem verzeiht Sonny heute jedem Täter von damals. „Sie haben seit Jahrzehnten ihre Schuld mit sich herumgetragen, das ist schon Strafe genug. Und man muss auch sehen: wenn die einen Befehl bekommen, und sie führen ihn nicht aus, dann werden sie selbst erschossen. Ich kann das schon verstehen.“

Was Sonny gar nicht verstehen kann: im eigenen Land bringt der "Herr Hitler" die Leute um, weil sie einen anderen Glauben haben. Das sei absurd und pervers. "Heute ist doch egal, ob einer Buddhist, Moslem, Jude oder katholisch ist, ist doch wunderschön. Jeder hat das Recht zu leben, egal ob er grün, gelb braun oder wie auch immer ist. Und das allerallerschönste ist die Demokratie, hier kannst du sagen, was du willst".

Wütend wird Sonny, wenn Leute sagen, das von damals sei alles erfunden. "Ich habe das mit eigenen Augen gesehen, Menschen wie lebende Leichen in Viehwaggons, die sich gerade noch bewegt haben, zum Skelett abgemagert", sagt Sonny. So etwas vergesse man nicht. Oft kommen ihm heute noch nachts die Tränen, wenn er daran zurückdenke.

Sonny hofft, dass es so etwas wie den Nationalsozialismus hoffentlich nicht mehr geben wird. "Dafür haben wir ja Euch, dass Ihr Euch wehrt!", ruft der Frankfurter Bub´ den josefine-Redakteurinnen zu und lacht glücklich. "Dass Ihr hier seid, zeigt mir doch, dass es immer noch viele Menschen gibt, die die Wahrheit wissen wollen, und es gibt ja nicht mehr viele, die noch babbeln können, dass es das wirklich gegeben hat. Deswegen ist es wichtig mit Euch jungen Leut´ zu sprechen, ich könnt flenne vor Glück. Schön, einfach schön, dass ihr da seid. Da freu ich mich".

Zum Abschied schreibt Sonny "Uffpasse" (hessisch für Aufpassen) in unser Zeitzeugen-Buch. Genau das werden wir tun, Sonny. Mer passe uff (hessisch für Wir passen auf).




Sonnys Widmung in unserem Zeitzeugen-Buch: Uffpasse


Hier ist Sonnys Geschichte:

Helmut Sonneberg, unter Eintracht-Fans bekannt als Sonny, wird am 4. Juni 1931 in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter Ria und sein Vater sind beide jüdischen Glaubens, aber haben nie geheiratet oder zusammengewohnt. Nach Helmuts Geburt zieht Ria mit ihm in ein Zimmer in der Fahrgasse. In diesem Haus lernt Ria ihren zukünftigen Ehemann, Herrn Wessinger, kennen, der verspricht, Helmut stets wie einen eigenen Sohn zu behandeln. Helmut erfährt erst mit 7, als die Feindlichkeit der Nazis gegen die Juden beginnt, dass Herr Wessinger nicht sein leiblicher Vater ist und dass er eigentlich als Jude geboren wurde. Nach der Hochzeit 1932 lässt Ria sich und Helmut taufen. Im selben Jahr kommt Helmuts Schwester Lieselotte zur Welt.

1935 wird mit der Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“ beschlossen, dass Helmut Volljude ist. Nach damaliger Vorstellung darf er nun nicht mehr mit seinen Eltern zusammenleben, da sie eine „Mischehe“ aus einer Jüdin und einem Nicht-Juden führen. Die Nazis wollen Sonnys Familie auseinanderreißen. 1940 kommt Helmut schließlich in ein Kinderheim im Röderbergweg, seine Familie besucht ihn trotzdem regelmäßig. Mit 10 Jahren muss er den gelben Judenstern tragen, der Juden in der Öffentlichkeit erkennbar machen soll. „Da war ich also ein Gezeichneter“, sagt Sonny der Schülerzeitung Josefine, als wir ihn im Oktober 2022 im Eintracht-Museum besuchen. „Ich konnte nicht mehr auf die Straße, ich durfte nicht mehr raus, meine Mutter hat Angst gehabt“.



Sonny als Kind mit Schwester und Mutter (Quelle: Eintracht-Museum, privat)

Sonny erzählt von der Hitlerjugend gegenüber seinem Kinderheim. Den Jugendlichen in der Hitlerjugend wurde von den Nazis eingeredet, „Juden sind schlecht“. So verprügeln sie öfters Helmut und andere jüdische Kinder. „Das Schlimmste dabei sind nicht die Tritte und die Schläge, sondern wenn sie dir ins Gesicht spucken, das ist sowas von erniedrigend, da kommst du dir vor, als wärst du der letzte Dreck“, sagt Sonny.

Ab 1942 darf Sonny nicht mehr die Schule besuchen, da Juden keine Schulbildung mehr erhalten sollen. 1943 wird sein Kinderheim geschlossen, da zu der Zeit bereits der Großteil der jüdischen Kinder in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet wurden. Er darf wieder zurück zu seiner Familie, wo er jedoch nicht sehr glücklich ist, da seine Eltern ihm zu seiner eigenen Sicherheit verbieten das Haus zu verlassen. 6 Jahre ist er täglich allein, er hat keine Freunde und fühlt sich ständig einsam. "Ich war wie lebendig eingemauert", so Sonny.

Am 14.02.1945 wird die Familie getrennt, denn die Nazis haben bestimmt, dass Helmut und seine Mutter zusammen mit 200 anderen Juden aus Frankfurt zur Frankfurter Großmarkthalle kommen müssen. Dort steigen sie in Viehwagons ein und werden in das Konzentrationslager Theresienstadt in Tschechien abtransportiert. Die Lebensbedingungen dort waren unmenschlich und die Arbeit schwer. Ende des Krieges im Mai 1945 ist Helmut 14 Jahre alt und kehrt nach Frankfurt zurück, er ist einer der wenigen Menschen, die Theresienstadt überlebt haben. Er war nicht lange dort, trotz dessen hat ihn diese Zeit geprägt. Nicht nur, weil er danach so abgemagert war, dass er mit seinen 14 Jahren nur noch 27 Kilogramm gewogen hat.



Sonny unterwegs zu den Eintracht-Spielen (Quelle: Eintracht-Museum, privat)

Durch das frühere Verbot in die Schule zu gehen, fällt es ihm später schwer, wieder Anschluss zu finden. Hitler habe ihm alles geklaut, sagt Sonny, der gerne Ingenieur oder Journalist geworden wäre. Bald entdeckt er aber seine Liebe für den Fußballverein Eintracht Frankfurt, dem er 1946 beitritt. Dort findet er das erste Mal richtige Freunde, die er vorher nie hatte. „Eintracht ist für mich wie eine große Familie, ich habe dort nie ein Wort der Diskriminierung gehört.“

Neben dem Fußball, Sonny spielt trotz seiner "dünnen Beinchen" bei den dritten und vierten Amateuren, interessiert er sich außerdem für Bücher und Musik, besonders gut gefällt ihm Jazz. Er besucht regelmäßig Konzerte. Helmut macht eine Ausbildung als Autoschlosser, im Laufe seines Lebens wechselt er aber mehrmals den Beruf. In seinen letzten Berufsjahren fährt er den Bücherbus in Frankfurt, eine Bücherei auf Rädern.

Helmut Sonneberg stirbt am 10. Februar 2023 im Alter von 91 Jahren in Frankfurt. Anfangs hat er nicht über seine Vergangenheit gesprochen, er hat sich geschämt. Erst in seinen letzten Jahren wurde er immer offener, hat vielen Menschen seine Geschichte erzählt, im Fernsehen, auf Podiumsdiskussionen. Besonders gerne hat er sich aber mit den jungen Leuten unterhalten.



Auf dem Frankfurter Friedhof (Quelle: Eintracht-Museum)

Unser Interview mit Sonny und Matthias Thoma, dem Leiter des Eintracht-Museums, findet Ihr hier:



Hier ein interessanter Film zu Sonny vom Eintracht-Museum:



Und hier der Link zu einem super Beitrag vom Hessen-Fernsehen über Sonny: