Das ist Hans:
Hans sitzt bei unserem Interview am Nebentisch, schaltet sich bei manchen Fragen zurückhaltend mit ein. Am Ende möchten wir Hans gerne auf dem Gruppenbild mit dabei haben und mehr über ihn wissen. Am Tag des Interviews bleibt dafür leider keine Zeit, aber unser AG-Leiter Herr Grote besucht Hans einige Tage später noch einmal bei den Strassenengeln und lässt ihn erzählen.
Hans wurde am 15. September 1952 in Hochstadt (Maintal) geboren, hat einen Bruder und eine Schwester sowie eine Tochter und einen Sohn und mehrere Enkelkinder.
Als Hans 39 Jahre alt ist, bricht sein Vater zu Hause vor seinen Augen sterbend zusammen. Hans kann ihm nicht helfen, der herbeigerufene Arzt auch nicht. Es ist der Moment, der das Leben von Hans für immer verändern wird. Dieses Bild bekommt Hans bis heute nicht mehr aus seinem Kopf, es macht ihn psychisch fertig. Eine Therapie bringt keinen Erfolg, er bleibt psychisch angeschlagen. Hinzu kommen Familienstreitigkeiten. Er kann und will keiner Arbeit mehr nachgehen, entscheidet sich für das einsame Leben auf der Strasse.
Seit 32 Jahren ist Hans nun obdachlos, ist jetzt 71 Jahre alt. Er übernachtet bei Kälte in Herbergen für Obdachlose, bei wenigen Bekannten oder im Gästezimmer des Pfarramts, das ihm der Pfarrer für ein paar Tage überlässt. Wenn die Temperaturen es zulassen, schläft Hans aber lieber Draussen, auf dem Friedhof oder in öffentlichen Grillhütten im Wald. Den Sommer über campt er in seinem kleinen Zelt am Kahler See, das kostet ihn nur 1 Euro am Tag, Dusche und Toilette inklusive. Eine Wohnung will er nicht mehr, es würde ihm auch keiner eine geben.
Hans ist immer alleine, Freunde hat er keine. Er hat nur eine kleine Rente, den Rest zum Leben bekommt er von Menschen zugesteckt, die ihn seit Jahren gut kennen und schätzen. Mit 20 Euro kommt Hans 3 Tage aus. Betteln kann er nicht leiden. Für Lebensmittel braucht er fast nie etwas auszugeben, er bekommt es in jedem Ort von Metzgereien oder Gaststättenbetreibern, die ihn schon lange kennen. Nur mal ein Bierchen oder ein paar Zigaretten kauft sich Hans, reicht das Geld gönnt er sich hin und wieder ein Schnitzel in der Gaststätte, aber meist nur, wenn es Draussen so richtig regnet und ungemütlich ist. Schulden macht er keine, und wenn, zahlt er sie zurück. Auch Schlägereien mit Menschen, die etwas gegen Obdachlose haben, ist er immer aus dem Weg gegangen.
Hans ist ständig unterwegs. Die meisten Strecken läuft er zu Fuss, oft 20 km am Tag und mehr, den Rest fährt er mit Bus und Bahn. Früher war Hans in ganz Europa als Obdachloser unterwegs, Holland, Belgien, in Spanien und Frankreich, immer allein. Heute fährt er hauptsächlich im Main-Kinzig-Kreis umher. Dort kennt er alle Möglichkeiten, wo er unterkommen kann zum Schlafen, wo er etwas zu essen bekommt, wo ihm der eine oder andere Euro zugesteckt wird, zum Beispiel nach der Kirche am Sonntag.
Bei den Strassenengeln ist er manchmal fast jeden Tag, dort wird er anerkannt, freundlich behandelt und bekommt immer etwas, was er gerade braucht. Zu seinen Geschwistern hat Hans keinen Kontakt. Etwa einmal im halben Jahr besucht er seine Kinder und Enkel in Aschaffenburg. Aber meist nur für eine Woche, er ist das Gewusel nicht gewöhnt, dann muss er wieder weiter. Deswegen zieht er auch nicht bei seinen Kindern ein, obwohl sie es ihm anbieten. Dass manche Menschen Vorurteile gegenüber Obdachlosen haben, das wird sich nie ändern, sagt Hans. Trotzdem ist Hans ein zufriedener Mensch. Er freut sich, wenn er mit einem netten Menschen ab und zu mal ein Schwätzchen halten kann. Was er sich wünscht? Gesundheit für noch ein paar weitere Jahre. 80 will er mindestens noch werden.
(aufgezeichnet in Vertretung der Redaktion von Andreas Grote)