(Bild: Vecteezy)

Magersucht & Co: Essstörungen erkennen und behandeln

Über Essstörungen wird heute unter Jugendlichen immer mehr geredet. Vor allem in sozialen Medien. Doch vieles, was dort zu lesen ist, ist ungenau oder gar falsch. Tatsächlich wissen nur wenige, was Essstörungen wirklich sind, wie häufig sie vorkommen und wie man sie behandelt.

Text: Elina Schwarzkopf
UPDATE Interview (
hier klicken): Chiara Derwand, Helena Lortz, Emilia Spilger

Essstörungen sind ernst zu nehmende psychische Beschwerden, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Vor allem junge Leute zwischen 14 und 20 Jahren erkranken daran. "Bei den meisten beginnt eine Essstörung mit einer Diät und vermehrtem Sport, manche bekommen jedoch auch Essanfälle und beginnen vielleicht sich zu übergeben oder die aufgenommenen Kalorien anderweitig wiedergutzumachen", schreibt uns Angelika Weigel, leitende Psychologin und Psychotherapeutin in der Psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die auch den Bundesfachverband Essstörungen berät.

Essstörungssymptome wie ungünstiges Essverhalten und übermäßiger Sport können ohne Behandlung bei einer Magersucht zu einer verminderten Knochendichte führen, bei Magersucht und Bulimie sind die Folgen Herzbeschwerden, Veränderungen im Blut und an der Schilddrüse, sowie Probleme mit der Verdauung und ausgeprägte Zahnschäden.

Man unterscheidet drei verschiedene Hauptformen: Magersucht, Bulimie und die Binge-Eating-Störung. "Viele Betroffene erleben im Laufe ihrer Erkrankungsgeschichte unterschiedliche Essstörungen", erklärt Angelika Weigel. Zum Beispiel kann die Essstörung mit einer Magersucht beginnen, dann kommt es im Verlauf zu Essanfällen und Erbrechen (= Bulimie) und im Erwachsenenalter bestehen nur noch Essanfälle mit Übergewicht (=Binge Eating Störung)

Die Hauptformen sind:

• Magersucht: Meistens fängt es mit einer Diät an und führt dazu, bei der man kaum bis nichts mehr isst und oft zu viel Sport macht. Betroffene nehmen oft schnell ab und bleiben dann auch im Untergewicht, weil sie sich weiterhin selbst als zu dick wahrnehmen. Vor allem Jugendliche in der Pubertät sind gefährdet, eine Magersucht zu bekommen, aber auch einige junge Erwachsene leiden darunter.

• Bulimie: sie wird oft als eine „Ess-Brech-Sucht“ bezeichnet, da Personen mit der Krankheit regelmäßig Essattacken haben, in denen sie übermäßig viel Nahrung zu sich nehmen, danach aber Schuldgefühle bekommen und sich zum Erbrechen zwingen oder anderweitig versuchen, den Essanfall wieder ungeschehen zu machen. Gerade bei Jungs ist das dann oft übermäßiger Sport. Bulimie fängt meistens eher im späteren Jugendalter und jungen Erwachsenenalter an.

• Binge-Eating-Störung: heißt so viel wie übermäßiges Essen, Betroffene leiden unter immer wieder kehrenden Essanfällen, versuchen aber nicht, wie bei einer Bulimie, wieder abzunehmen. Was jedoch gleich ist, ist das Alter, in dem man am häufigsten daran erkrankt, nämlich in der späten Jugend und als junger Erwachsener.

Jungs und Mädchen erkranken unterschiedlich häufig daran. Im Schnitt erkranken von 1000 Mädchen oder Frauen, etwa 28 an einer Binge-Eating-Störung, 19 an Bulimie und 14 an Magersucht. Im Vergleich dazu erkranken von 1000 Jungen oder Männern nur etwa 10 an einer Binge-Eating-Störung, 6 an Bulimie und 2 an Magersucht.

Wenn eine Person eine Essstörung hat, gibt es in den meisten Fällen dafür mehr als nur einen Grund. Wichtig: Einen Verantwortlichen für die Krankheit gibt es nicht, denn Schuld hat daran niemand. Außerdem müssen in der Regel mehrere Faktoren zusammenkommen, damit es zu einer Essstörung kommt.

"Zu den Risikofaktoren für die Entwicklung von Essstörungen gehören etwa der Einfluss sozialer Medien wie Instagram oder TikTok, Klassenkamerad:innen mit Essstörungen, Essstörungen in der Familie, traumatische Kindheitserfahrungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper aufgrund unrealistischer Schönheitsideale und viele mehr", sagt Angelika Weigel.


Angelika Weigel, Expertin für Essstörungen (Bild: privat)

Daneben gibt es aber auch biologische Risikofaktoren. Dazu gehören die genetischen Veranlagungen, denn in manchen Familien treten Essstörungen gehäuft auf. Das heißt aber nicht, dass jedes Kind, das in diese Familien hineingeboren wird, irgendwann zwingend eine Essstörung bekommt.

Hormone und Nervenbotenstoffe können auch eine biologische Ursache sein. Ghrelin ist das Hormon, das am häufigsten als hormonelle Ursache gesehen wird. Es reguliert das Hunger- und Sättigungsgefühl. Menschen mit einer Magersucht zeigen zwar auch wie "gesunde" Menschen einen erhöhten Ghrelin-Spiegel im Blut, jedoch scheinen die Betroffenen die Wirkung des Hormons nicht zu spüren. Warum das so ist, ist noch unklar, wird aber derzeit noch erforscht.

Auch die eigene Persönlichkeit und Charakter spielen eine Rolle. So scheinen sehr offene Menschen eher für eine Bulimie oder Binge-Eating-Störung mit Essattacken anfällig zu sein. Bei eher zurückhaltenden Menschen könnte dagegen die Magersucht infragekommen, denn die sehr eingeschränkte Nahrungsaufnahme produziert im Körper mehr von dem Glückshormon Serotonin.

Wer Risikofaktoren hat, bei dem kann dann in Situationen mit besonderer Belastung eine Essstörung entstehen, wie beispielsweise Mobbingerfahrungen, einem Schulwechsel, Trennung der Eltern, ein Auslandsjahr, in dem etwas schiefläuft oder auch dem Verlust von Freund:innen oder Ähnliches.



Die Frage, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt, können eine Ärztin bzw. oder Psychotherapeutin beantworten. Sie schauen sich an, welche Probleme beim Essverhalten bestehen, ob man mit dem eigenen Körper unzufrieden ist, ob man sich Sorgen um sein Gewicht und das Essen macht und ob man sich bereits sozial zurückgezogen hat.

Den Gang zur Expertin versuchen viele Jugendliche mit Essstörungen aber lange hinauszuzögern. Dabei können auch enge Freundinnen aktiv helfen. "Die Essstörung in Gesprächen nicht zum Tabu werden lassen, gar nichts essen oder exzessiven Sportverhalten konkret ansprechen", sagt Angelika Weigel. Dabei ruhig die eigenen Sorgen thematisieren: z.B. mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit immer wieder Verabredungen absagst und dann lange im Fitnessstudio bist. Oder: mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit viel abgenommen hast. Ich mache mir da Sorgen um dich.

Leider ist auch häufig in den sozialen Medien zu lesen, dass man ohne medizinische Hilfe, also allein, aus einer Essstörung herauskommt. "Ganz ohne Hausärztin für regelmäßige Gewichts- und Blutbildkontrollen, eine Psychotherapie und eine Ernährungsberatung schaffen es nur wenige Betroffene", sagt Angelika Weigel. "Essstörungen sind inzwischen gut behandelbar, auch wenn Studien zeigen, dass es bis zur vollständigen Gesundung im Sinne einer Normalisierung des Essverhaltens und des Körpergewichtes oft mehrere Jahre dauern kann".

Bei der Behandlung einer Essstörung kommt vor allem die Psychotherapie zum Einsatz, sie hat die besten Chancen, wieder ein gesundes Essverhalten zu bekommen. In den meisten Fällen reicht eine ambulante Behandlung, das heißt, man geht regelmäßig zur Therapie in eine Praxis. Nur in schweren Fällen kann auch eine vorübergehende Aufnahme in ein Krankenhaus nötig sein. Zudem ist eine Nachsorge nötig, um vor Rückfällen zu schützen.

"Die Hauptziele der Behandlung liegen in einer Normalisierung des Essverhaltens und des Körpergewichtes sowie Arbeiten an den auslösenden Faktoren", erklärt Angelika Weigel. Entsprechend geht es in der Therapie darum, Betroffene zu motivieren, sich mit ihrem Ernährungs- und Sportverhalten kritisch auseinanderzusetzen und bei Untergewicht an Gewicht zuzunehmen. "Zudem ist es für Betroffene wichtig zu verstehen, warum die Essstörung überhaupt entstanden ist und daraus zu lernen, wie z.B. mit Emotionen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper oder Konfliktfähigkeit künftig besser umzugehen".

Weitere Informationen und auch interessante Videos findet Ihr
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"Essstörungen beginnen nicht immer in der Jugend"

Wir haben uns mit Sabrina Scharf unterhalten. Sie ist selbst seit vielen Jahren von einer Essstörung betroffen und hat uns sehr offen über Ursachen, Auswirkungen und Heilungsphase erzählt.

Interview: Chiara Derwand, Helena Lortz, Emilia Spilger


josefine: Frau Scharf, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch mit uns nehmen. Wir möchten mit Ihren Antworten gerne einen Artikel ergänzen, den wir bereits zu diesem Thema veröffentlicht haben. Möchten Sie uns kurz erzählen, in welcher Lebensphase Ihre Essstörung begonnen hat?

Sabrina Scharf: Ich war damals bereits erwachsen, Anfang 30, und schon Mutter. Die Essstörung begann in einer sehr schwierigen Lebensphase nach der Trennung von meinem gewalttätigen Ehemann. Nachdem ich mich gemeinsam mit meiner Tochter aus dieser Beziehung befreit hatte und psychisch langsam zur Ruhe kam, entwickelte sich bei mir die Essstörung.

josefine: Wie haben Sie gemerkt, dass Ihr Essverhalten nicht mehr gesund war? Gab es Warnsignale?

Sabrina Scharf: Ja, die gab es. Ich habe gemerkt, dass ich mich immer stärker kontrolliert habe. Es gab eine innere Stimme, die mir Essen regelrecht verboten oder bestimmte Lebensmittel ausgeschlossen hat. Diese Stimme hat mir ständig gesagt, wie viele Kalorien etwas hat und was ich essen darf oder nicht. Lange Zeit habe ich mir das schöngeredet und versucht, diese Warnsignale zu ignorieren. Nach vier bis fünf Monaten musste ich mir aber eingestehen, dass etwas nicht stimmt.

josefine: Wie sah Ihr Alltag mit der Essstörung aus? Haben Sie zum Beispiel Kalorien gezählt?

Sabrina Scharf: Ja, extrem. Ich war im Grunde eine wandelnde Kalorientabelle. Anfangs habe ich Kalorien noch gegoogelt oder Tabellen benutzt, später hatte ich alles im Kopf. Man kann sich das kaum vorstellen, aber man kennt irgendwann unzählige Lebensmittel und ihre ungefähren Kalorienwerte auswendig. Danach kauft man auch ein. Lebensmittel werden in „sicher“ und „unsicher“ eingeteilt.

Sichere Lebensmittel sind fett- und kalorienarm, unsichere – sogenannte „Fear Foods“ – werden komplett vermieden, weil sie von vornherein als „zu viel“ gelten.

josefine: Haben Sie über viele Jahre fast ausschließlich kalorienarme, „gesunde“ Lebensmittel gegessen?

Sabrina Scharf: Ja, größtenteils.

josefine: Haben Familie und Freunde etwas bemerkt? Wie haben sie reagiert?

Sabrina Scharf: Ja, sie haben es alle bemerkt. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich: Liebevolle Gespräche, Sorge, aber auch Wut, Druck, Streit. Einige Freunde haben sich abgewandt, weil ich mich immer mehr isoliert und ständig Ausreden erfunden habe, um mich nicht zu treffen. Ich hatte auch schlicht keine Energie mehr dafür. Manche haben mir gesagt, sie könnten mir nicht beim Sterben zusehen. Das war sehr schmerzhaft. Es gab viele Tränen – auf allen Seiten.

josefine: Vielen Betroffenen fällt es schwer, Hilfe anzunehmen. Was war für Sie der Auslöser?

Sabrina Scharf: Nach fast zehn Jahren war es meine Tochter. Sie hat mir unter Tränen gesagt, dass sie große Angst hat, ich könnte sterben. In diesem Moment habe ich verstanden, dass ich nicht nur mein eigenes Leben zerstöre, sondern auch ihres – und dass ich sie in Gefahr bringe, ihre Mutter zu verlieren. Das war mein Weckruf und der Punkt, an dem ich mir Hilfe gesucht habe.


(Foto: privat)

josefine: Warum glauben Sie, dass viele Betroffene Angst haben, sich Hilfe zu holen?

Sabrina Scharf: Scham spielt eine große Rolle. Viele erkennen zwar, dass etwas nicht stimmt, glauben aber, sie hätten noch Kontrolle – obwohl sie diese längst verloren haben. Außerdem denken viele, sie seien „noch nicht krank genug“, „noch nicht dünn genug“. Ich höre das oft von Jugendlichen und Erwachsenen, die sagen: „Ich will niemandem den Platz wegnehmen.“ Dabei gibt es kein „zu früh“ für Hilfe. Die Angst, nicht ernst genommen zu werden, ist sehr groß.

josefine: Welche Hilfe gibt es – und was würden Sie Betroffenen raten?

Sabrina Scharf: Therapeutische Hilfe ist ganz zentral: Psychologinnen oder Psychologen. Es gibt auch anonyme Beratungshotlines, Beratungsstellen bei Landratsämtern oder sozialen Einrichtungen. Der Hausarzt oder Kinderarzt ist ebenfalls eine wichtige erste Anlaufstelle. Außerdem sollte man sich unbedingt einer erwachsenen Vertrauensperson öffnen – Eltern, Lehrkräften, Verwandten. Unterstützung ist entscheidend.

josefine: Haben Sie heute noch gesundheitliche Folgen?

Sabrina Scharf: Ja, leider. Körperlich auf jeden Fall. Ich kann keine Kinder mehr bekommen, mein Hormonhaushalt ist stark geschädigt. Meine Knochen sind so stark gealtert, dass sie dem Zustand einer 86-jährigen Person entsprechen. Ich habe weiterhin Probleme mit Leber, Darm und Herz. Psychisch bin ich heute relativ stabil, aber der Weg war lang. Und auch in der Heilungsphase hält die depressive Stimmung oftmals noch an.

josefine: Hängen Essstörungen und Depressionen oft zusammen?

Sabrina Scharf: Ja, sehr oft. Sie gehen meist Hand in Hand. Manche werden zuerst depressiv und entwickeln dann eine Essstörung, bei anderen ist es umgekehrt.

josefine: Wie sollten Freunde reagieren, wenn sie auffälliges Essverhalten bemerken?

Sabrina Scharf: Unbedingt ansprechen – aber ohne Vorwürfe. Nicht: „Mit dir stimmt etwas nicht“, sondern: „Ich mache mir Sorgen um dich.“ Wenn die Person es abstreitet, sollte man das zunächst akzeptieren und das Gespräch später erneut suchen. Wichtig ist, nicht zu verurteilen und sich bewusst zu machen: Man ist Freund, kein Therapeut. Gemeinsame Aktivitäten sollten nichts mit Essen zu tun haben – Kino, Spaziergänge, kleine Ausflüge. Und ganz wichtig: Wenn man einen ernsthaften Verdacht hat, immer eine erwachsene Person einbeziehen. Das ist kein Vertrauensbruch, sondern kann Leben retten.

josefine: Warum ist es Ihnen wichtig, heute öffentlich über Ihre Geschichte zu sprechen?

Sabrina Scharf: Viele Menschen haben durch meine Krankheit gelitten. Ich habe mich oft nicht gut verhalten, war aggressiv oder depressiv. Ich habe sogar gefährliche Dinge getan, wie Auto zu fahren, obwohl ich jederzeit hätte ohnmächtig werden können. Dafür schäme ich mich sehr. Wenn ich mit meiner Geschichte auch nur eine einzige Person erreiche – jemanden, der nicht in die Krankheit rutscht oder schneller Hilfe sucht –, dann hatten diese zehn Jahre einen Sinn. Vielleicht ist genau das meine Aufgabe.

josefine: Frau Scharf, vielen Dank für das Interview und Ihre Offenheit.