(Foto: privat mit KI-Inhalt)

Wenn mein Kopf einfach nicht stillsteht


Leicht ablenkbar, unkonzentriert, ständiges Reden oder mit den Gedanken ganz woanders. Ein solches Verhalten kann andere ganz schön nerven. Oft ist es aber unabsichtlich, denn Menschen mit ADHS können ihre Aufmerksamkeit und ihre Gefühle nicht so gut steuern. Unsere Redakteurin Katharina hat ADHS und weiß, wie sich das anfühlt und welche Probleme damit im Alltag, in der Schule und mit Freunden verbunden sind. Und, dass ADHS auch positive Seiten hat.

Von Katharina Danz

Ständig reden, sich leicht ablenken lassen, ungeduldig sein, schnell frustriert oder mit den Gedanken ganz woanders sein: Wer neben so einer Schülerin sitzt, ist schnell genervt. Aber was ist, wenn man das gar nicht richtig kontrollieren kann? Wenn man sich eigentlich konzentrieren möchte, es aber einfach nicht funktioniert?

Ich habe selbst ADHS und weiß deshalb, dass hinter solchen Verhaltensweisen mehr stecken kann, als andere auf den ersten Blick erkennen. Mit 13 Jahren wurden bei mir ADHS ohne Hyperaktivität und eine soziale Angststörung diagnostiziert. Schon im Kindergarten und in der Grundschule fiel auf, dass ich irgendwie „anders“ bin. Zumindest außerhalb meines Zuhauses. Während ich in manchen Situationen eher ruhig und zurückgezogen bin, wirke ich in der Schule oft unruhig und „drüber“.

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Es entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Eine wichtige Rolle spielt die genetische Veranlagung, ADHS ist also zu einem großen Teil erblich. Auch die Signalübertragung im Gehirn funktioniert teilweise anders. Dabei spielen vor allem die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin eine Rolle, die unter anderem für Aufmerksamkeit und Konzentration wichtig sind.

Menschen mit ADHS nehmen viele Eindrücke aus ihrer Umgebung gleichzeitig wahr. Das können Gespräche am Nachbartisch sein, das Ticken einer Uhr oder die eigenen Gedanken. Es fällt ihnen schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren und andere Eindrücke auszublenden. Manche Menschen mit ADHS sind sehr unruhig, reden viel oder handeln impulsiv. Andere sind eher verträumt und unaufmerksam. Bei vielen kommt beides zusammen. Gerade bei Mädchen wird ADHS manchmal erst spät erkannt, weil sie weniger durch Unruhe auffallen.

Besonders in der Schule kann ADHS zum Problem werden. Man soll stillsitzen, zuhören, Aufgaben erledigen und sich möglichst nicht ablenken lassen. Doch genau das kann für Menschen mit ADHS schwierig sein. Man vergisst Dinge, macht Flüchtigkeitsfehler oder weiß nicht, mit welcher Aufgabe man anfangen soll. Vor allem bei Themen, die einen nicht interessieren, fällt es schwer, konzentriert zu bleiben.

Das bedeutet aber nicht, dass man sich keine Mühe gibt. Viele Betroffene sind selbst frustriert, weil sie ihre Fähigkeiten nicht so abrufen können, wie sie es gerne möchten. Auch die eigenen Gefühle können manchmal schwer zu kontrollieren sein. Menschen mit ADHS reagieren häufig impulsiv, sind schnell frustriert oder sagen etwas, bevor sie darüber nachgedacht haben. Andere empfinden das möglicherweise als störend oder rücksichtslos. Das kann auch Freundschaften belasten. Wenn man während eines Gesprächs abschweift, wirkt das schnell so, als würde man nicht zuhören wollen. Dabei kann die Aufmerksamkeit einfach woanders sein. Ich finde es wichtig, dass andere wissen, dass solche Verhaltensweisen nicht unbedingt Absicht sind. Menschen mit ADHS haben oft selbst Schwierigkeiten damit.

ADHS hat aber nicht nur Nachteile. Menschen mit ADHS können sehr kreativ, spontan, begeisterungsfähig und einfühlsam sein. Viele haben eine große Fantasie und kommen auf ungewöhnliche Ideen. Was ich besonders interessant finde, ist der sogenannte Hyperfokus. Dabei kann man sich auf etwas, das einen wirklich begeistert, besonders intensiv konzentrieren. Während langweilige Aufgaben schwerfallen, kann man sich mit einem interessanten Thema manchmal stundenlang beschäftigen. Bei mir sind das zum Beispiel Synchronsprecher und Schauspieler. Wenn ich eine Stimme höre oder jemanden in einem Film sehe, erkenne ich oft sofort, dass die Person schon irgendwo anders mitgespielt oder mitgesprochen hat. Dann muss ich unbedingt wissen, woher ich sie kenne und in welchen anderen Filmen oder Serien sie noch mitgewirkt hat.

Das ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Konzentration bei ADHS funktionieren kann. Es ist also nicht so, dass Menschen mit ADHS sich grundsätzlich nicht konzentrieren können. Es kommt auch darauf an, womit sie sich beschäftigen.

Neben ADHS habe ich auch eine soziale Angststörung. Bei einer sozialen Phobie haben Menschen große Angst davor, sich zu blamieren, kritisiert oder negativ bewertet zu werden. Sie kann zusammen mit ADHS auftreten, ist aber keine zwangsläufige Folge davon. Meine soziale Angst zeigt sich vor allem in größeren Gruppen oder in Situationen, in denen ich nicht genau weiß, was auf mich zukommt. Dann werde ich nervös, ziehe mich zurück und verstumme manchmal regelrecht. Zum Beispiel, wenn ich im Unterricht aufgerufen werde. Das ist besonders schwierig, wenn die mündliche Mitarbeit stark in die Note einfließt.

Ich erinnere mich noch an eine Situation in meiner ersten Grundschule. Ich wurde an die Tafel gerufen, obwohl ich mich gar nicht gemeldet hatte. Ich sollte eine Matheaufgabe lösen. Damals konnte ich noch nicht besonders gut rechnen und hatte das Ergebnis falsch. Die ganze Klasse hat gelacht. Meine Klassenlehrerin hat nichts dagegen unternommen. Bis heute fällt es mir schwer, mich im Unterricht zu melden. Wenn ich dagegen mit einer Lehrkraft alleine spreche, klappt es bei manchen Lehrern inzwischen besser. Auch beim Einkaufen funktioniert es meistens.

ADHS kann man nicht einfach heilen. Aber in einer Psychotherapie lernen Betroffene, mit ihrer Störung und den Begleiterscheinungen besser umzugehen. So können zum Beispiel feste Tagesabläufe, klare Strukturen und möglichst wenig Ablenkung Menschen mit ADHS helfen, ihre Aufgaben besser zu organisieren und weniger aufzuschieben. Auch Sport kann ein guter Ausgleich sein. Medikamente können die Symptome abschwächen und die Konzentrationsfähigkeit verbessern. Wichtig ist, dass sie individuell auf die Betroffenen eingestellt werden.

Mir persönlich haben verschiedene Therapien geholfen: Verhaltenstherapie, Gruppenangebote und Ergotherapie. Auch Medikamente haben dazu beigetragen, dass ich ruhiger geworden bin und besser mit bestimmten Situationen umgehen kann. Zurzeit nehme ich Elvanse mit dem Wirkstoff Lisdexamfetamin, um mich besser konzentrieren zu können. Welche Behandlung sinnvoll ist, muss individuell entschieden werden.

Aber auch Freunde können viel dazu beitragen, dass der Alltag leichter wird. Wichtig sind vor allem Verständnis, Geduld und klare Kommunikation. Wenn jemand etwas vergisst oder nicht richtig zuhört, sollte man nicht sofort davon ausgehen, dass es Absicht ist. Statt Vorwürfen helfen ruhige Gespräche und gemeinsame Lösungen. Auch kleine Fortschritte sollten anerkannt werden. Dabei bedeutet Verständnis nicht, dass andere alles hinnehmen müssen. Freunde dürfen Grenzen setzen und sollten auch auf sich selbst achten.

In der Schule treffen Menschen mit ADHS häufig auf Unverständnis. Wer viel redet, unruhig ist oder sich leicht ablenken lässt, gilt schnell als störend. Wer eher verträumt ist, wird möglicherweise einfach als unaufmerksam wahrgenommen. Lehrkräfte sollten genauer hinschauen, warum jemand Schwierigkeiten hat. Nicht jeder, der sich ablenken lässt, ist faul. Nicht jeder, der dazwischenredet, möchte absichtlich stören. Und nicht jeder, der sich nicht meldet, weiß die Antwort nicht. Gerade für Menschen mit sozialen Ängsten ist es schwierig, wenn die mündliche Mitarbeit stark bewertet wird. Denn manchmal ist nicht das fehlende Wissen das Problem, sondern die Angst, vor anderen sprechen zu müssen.

Auch Mitschüler können helfen, indem sie Verständnis zeigen und nicht sofort genervt reagieren. Manchmal können schon kleine Dinge einen Unterschied machen: eine ruhigere Umgebung, klare Aufgabenstellungen oder etwas mehr Geduld.

ADHS kann den Schulalltag, Freundschaften und das eigene Selbstbewusstsein beeinflussen. Manche Dinge fallen Menschen mit ADHS schwerer als anderen. Aber das bedeutet nicht, dass sie weniger können. Natürlich ist jeder Mensch anders, auch mit ADHS. Mir ist wichtig, dass Menschen mit ADHS nicht nur auf ihre Schwierigkeiten reduziert werden und dass andere versuchen zu verstehen, warum jemand anders reagiert oder denkt.

Mein größter Wunsch bleibt jedoch: einfach akzeptiert zu werden und dazuzugehören – ohne Bedingungen.